"Seelenlang" erzählt von einer trotz allem glücklichen gemeinsamen
Zeit im Angesicht der Erkrankung und meinem Bemühen, ihr auf
dem schweren Weg ein guter Begleiter zu sein.
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"Mit einer kurzen Unterbrechung für den geplanten Nachsorgetermin, der keine
Auffälligkeiten ergab, genoß sie viereinhalb Monate lang das Leben im Rheinland.
Regelmäßig telefonierten wir und ich merkte, wie frei sie sich fühlte.
In unseren Gesprächen fanden Krankheit oder Krebs keinen Platz. Wir redeten
über Konzerte im Kurgarten, über Radtouren am Flussufer in Gesellschaft von
Prachtlibellen und darüber, wie hervorragend Mutter ein Mahl mundete, welches
sie aus spontan zusammengestellten Zutaten zauberte. Sie erzählte mir detailliert
das Bemerkenswerteste der letzten Tage und sie liebte es, wenn ich das ebenfalls
tat. Das hatten wir so schon früher gerne gehalten. Oftmals, bei einer guten
Gelegenheit, versuchte ich, ihr nicht nüchterne Informationen zu geben, sondern
mit einer ausführlichen Schilderung auch aus Einfachem etwas Besonderes werden
zu lassen, und die Stimmungen und Gefühle jener Momente wurden wieder
lebendig, als hätten wir alles gemeinsam erlebt.
Hieran fand Mutter Freude. Sie durchlebte jede einzelne Situation sichtbar mit.
Genau so kannte ich sie. In ihrem Gesicht konnte ich immer lesen, und das
Leuchten ihrer erwartungsfroh geweiteten Augen hat für mich an Kraft nicht verloren.
Aus diesem Blick sprach ihre Seele zu mir. Dieses warme, beseelte Leuchten
erhellt noch heute die Winkel der Düsternis in meinem Herzen, vertreibt mir
manches Mal dunkle Gedanken.
Der Tod hatte mit einem Hauch ihr Leben beendet. Doch er vermag nicht, uns
zu trennen. Eines schützt uns davor: Die Sprache der Seelen. Ich glaube, wenn
Menschen sich wirklich nahe sind, finden Ihre Seelen eine gemeinsame Sprache.
Das ist es vor allem, was ich zurückbehielt, als Mutter ging. Weil unsere größte
Gemeinsamkeit in der Harmonie unserer Seelen bestand, ist eine Trennung nicht
möglich. Ich kann zu ihr sprechen und sie spricht durch mich; aber noch sprachen
wir miteinander im Leben. Die Seelennähe wob uns ein sicheres Band."