Wenn wir viel über die Vergangenheit reden, ist in der Gegenwart alles normal. Frau Radibor war gesund und gesprächig. Sie nahm mich wieder mit in ihr Kindheitsdorf. Dort wartete Arbeit auf uns. Es galt, die Kühe vom Kartoffelfeld fernzuhalten, die Gänse hatten Wasserverbot. Jedenfalls an einer bestimmten Stelle im Bach, die für Fuhrwerke und Pferde gedacht war. Magisch zog es die Gänse dort hin. Die riechen das Wasser, wußte Frau Radibor. Doch als der Ortsvorsteher kam, roch es nach Ärger. Der zornige Mann schlug mit dem Knüppel nach ihnen. Ein Schnabel wurde zertrümmert. Da blieb nur die Pfanne.
Im Winter versammelten sich Frauen und Mädchen zum Federn schleißen. Das schien eine von Frau Radibors schönsten Erinnerungen zu sein. Sie hörte sich glücklich an. Ich ließ mir von ihr das Schleißen erklären: Um Bettfedern zu gewinnen, werden die Federseiten vom Kiel abgezogen. In warmer, fröhlicher Runde wurde dabei viel erzählt. Lachen war Trumpf. Und Frau Radibor gab einen der ‘alten Beiträge’ zum Besten.
Ein Mädchen ging zum Doktor, sie fühlte sich marod’.
Sie meint’, sie wär’ gefallen, wohl über die Kommod’.
Der Doktor untersucht’ sie, und sprach ‘Oh, welch Malheur.
Es war nicht die Kommode, es war der Sekretär !’
Schade, daß Frau Radibor lieber im Bett bleiben wollte. Ich hatte angesichts des schönen Spätherbsttages eigentlich eine Ausfahrt im Sinn, aber es wurde auch so unterhaltsam. Schon der Anfang war goldig. Sie fühlte sich schlapp, der Rücken schmerzte, leichtes Kopfweh stellte sich ein.
Vielleicht sei eine Erkältung im Anmarsch, vermutete ich. Daraufhin sie : “Das glaube ich nicht. Ich habe weder geniest, noch gehustet.” Eine Perle im Pflegebett.
Später wurde ich als Holzfachmann überrascht. Wir stöberten in einem Buch über die Bäume und Sträucher Mitteleuropas. An mancher Stelle gab es was passendes zu erzählen. Auch Frau Radibor kannte vieles. Selbst zu einem Strauch, der mir unbekannt war, fiel ihr etwas ein. Berberitze. Das Holz würde für kleine Einlegearbeiten genutzt. Woher sie das wußte blieb unklar. Doch fast genau so stand es im Text. Meine Dozentin !
Die interessantesten Besuche bei Frau Radibor sind oft jene, in denen sich für uns beide etwas neues ergibt. Diesmal lockte eine Geschmacksüberraschung ein Kindheitserlebnis hervor. Ich hatte ein Döschen selbstgemachte ‘Tiramisu’-Creme dabei. Mit Mascarpone und Eierlikör … zum Reinhüpfen lecker. Allerdings müßte sie den Eierlikörgeschmack mögen. Das fragte ich sie. Die Antwort : Frau Radibors erste Eierlikörerfahrung lag mehr als achtzig Jahre zurück ! Wohl am Anfang der Schulzeit hätten ihr die älteren Schwestern im Wald von etwas Selbstgemischtem zu trinken gegeben. “Ich glaube, das war Eierlikör. Davon habe ich einen Schwips bekommen, und dann auf einem Holzstapel gelegen. Ich sehe das noch.” Ich sah das auch. Ach, die heimlichen Kindheitsexperimente … Und wie ihr die Creme schmeckte ! Zusätzlich erhielt jedes Stück des zerteilten Heimkuchens einen Klecks oben drauf. Nur eine Pflegerin war pikiert. “Mayonnaise ?!” Der ‘Etikettenschwindel’ sorgte für Heiterkeit.
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