Ihr fiel auf, daß die Tage schon länger werden. Zum Ende meines Besuches war es draußen heller als sonst. Erste Lichtboten des Frühlings fügten dem Abschied eine Prise Hoffnung hinzu. Selbst wenn Frau Radibor meinte, der bislang milde Winter würde noch strenger werden. “Sehen Sie, Sie haben Mütze und Schal schon dabei”, lachte sie. “Gut so. Ja.” Die vermeintlichen Beweisstücke hatte sie letzte Woche an mir vermißt. Ich fühlte noch auf dem Heimweg ihre Fürsorge als wärmendes Kribbeln. Dagegen hatte der Straßenwind keine Chance.
TrackBack-URL“Was sich ein alter Kopf alles merken kann, ist erstaunlich”, meinte Frau Radibor zwischen zwei Schlürfschlückchen Kakao. Wie wahr ! Des öfteren verblüfft sie mich mit kleinen Geschichten, die zum Teil mehr als achtzig Jahre alt sind. Diesmal spielte eine davon in der Schule. Zur alljährlichen Weihnachtsaufführung kamen die Dorfbewohner zusammen. Die Kinder hatten ein Programm einstudiert. Frau Radibor und ihre Freundin waren mit einem (mit Lehrerhilfe ?) selbst verfaßten Gedicht an der Reihe.
Frau Meier hamse schon gehört, der Rübner-Bauer hat ein Pferd.
Ein Rasseschimmel groß und stark, kost’ sicher viele tausend Mark.
Nun sag mir einer auf der Welt, woher hat der denn so viel Geld ?
Man munkelt schon ganz unverhohlen, der Rübner hat es wohl gestohlen …
Mehr fiel ihr nicht ein. Doch große Augen hatte ich schon. Und mein Staunen machte ihr Spaß. Schön, wenn sich ein alter Kopf freuen kann.
TrackBack-URLAn die Jahreswechsel der Kindheit kann Frau Radibor sich nur spärlich erinnern. Schnee gab es damals in jedem Winter. Nicht so wie heute. Manchmal selbst im Flachland in solchen Mengen, daß man kaum in den Nachbarort kam. Und eine Sache war noch präsent.
Es muß zu Silvester gewesen sein, als die Hebamme gebraucht wurde. Wer konnte sie holen im Schneegestöber ? An Autos oder den Bus war auf dem Land nicht zu denken. Doch weil im Dorf alle zusammenhielten, fand sich ein Weg. Dank Pferden, Schlitten und Schaufeln traf die Hebamme rechtzeitig ein. Auch der Bruder hatte geholfen. Aber nicht alles verstanden. Wieso die Frau denn Heu-Bamme genannt würde, wollte er von den in dörflicher Mundart schwatzenden Erwachsenen wissen. Und hörte vom Vater, er könne auch Stroh-Bamme sagen.
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