“Herr Ewald, ich freu mich ganz sehr !” Der unverhoffte Vormittagsbesuch sorgte für einen inneren Wärmeschub. Auch mir tat Frau Radibors liebe Begrüßung gut. Es war der passende Moment, ihr im gefühlten Durcheinander der letzten Tage mit unseren gemeinsamen anderthalb Stunden einen gewohnten Fixpunkt zu geben.
Was nämlich für die meisten nur eine fröhliche Abwechslung vom üblichen Alltag darstellt, löste bei Frau Radibor auch Unruhe aus: das allgegenwärtige Karnevalstreiben. Vor allem, weil fast das gesamte TV-Programm jeck war … Ich konnte ebenfalls ein Erlebnis beisteuern. Als ich am Montag eine Versicherung in Köln anrufen wollte, sagte die freundlich Dame vom Band, dort sei wegen eines regionalen Feiertages geschlossen. He ?! Aber genau das fand Frau Radibor lustig. So kriegten auch die Unansteckbaren noch ihr Alaaf.
Es war ein Versuch mit offenem Ausgang. Frau Radibor wollte selber die Lösungswörter in ein Rätsel eintragen. Überraschend hatte sie meinem Vorschlag gleich zugestimmt. Wie lange das letzte Mal Selbstschreiben zurück lag, blieb unklar. Jahre wahrscheinlich, und ihre Handschrift sei früher sehr schön gewesen. Die Gegenwart kam unsicher und zittrig daher. Das schreckte Frau Radibor nicht. Sobald eine Lösung feststand, machte sie sich ans Werk. Ich sorgte für die ‘Logistik’. Das Rätselheft, den Stift aus dem Schubfach, den freien Platz auf der Tischplatte, die Buchunterlage, weil sie das Heft schräg halten wollte, die richtigen Spalten und Zeilen … Ein Alleinschreibversuch wäre zum Scheitern verurteilt. Und allmählich klappte es etwas besser. Ich lobte, und Frau Radibor meinte “Wenn öfter jemand Zeit dafür hätte, würden Sie staunen.” Hallo, Berlin ! Aber warum muß eine alte Frau im Pflegebett schreiben können ?
TrackBack-URLDas gefiederte Völkchen im Wohnbereich vor dem Haus trotzte tapfer der Kälte. Ich mußte an Frau Radibors spätsommerliche Prognose des Spatzensterbens im Winter denken, doch während ich dem Gebüsch näher kam, stieg der Lärmpegel ordentlich an. Als würden sie sagen ‘Sieh nur, es gibt uns noch. Du kannst der Dame schöne Grüße ausrichten !’ Frau Radibor schmunzelte bei dem Gedanken. Aber die Freude wurde ein bißchen getrübt. “Irgend was stimmt nicht in meinem Brotladen. Ist wohl entzündet.” Vorsichtig löffelte sie die Cremespeise. Dann rückte ich mit der schlechten Nachricht heraus. Nur ein Kurzbesuch heute, die Hexe … Mein unrunder Gang war ihr bereits aufgefallen. Ich hätte nicht kommen sollen, tadelte sie und lächelte froh.
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