Menschen finden und verlieren sich wieder. Nichts um uns her ist von Dauer. In unserem Inneren aber bleibt manches bestehen. Frau Radibor, Herrn Türmer und mich hatte eine Idee zusammengeführt. In einer einsamen Zeit ihres Lebens fand ich zu ihnen, und je länger wir uns kannten, auch mehr zu mir selbst. Deshalb kommt es mir unpassend vor, würde ich die Beiden nun einfach ersetzen. Hilfebedürftigen alten Menschen stehe ich nach wie vor beruflich als Begleiter zur Seite. Erzählstoff gibt es dabei genug. Doch wenn, dann wird der privat aufgeschrieben.
Im Neadora.Blog können interessierte Leser zwei Menschen, wie ich sie erlebt habe, entdecken. Ihre Geschichte steht in all diesen Texten. ‘Weitersagen’ wäre daher sehr schön.
Sich ergänzend zur Pflege um Heimbewohner, um oft einsame Menschen zu kümmern, öffnet innere Welten. Vielleicht gelingt es einigen Lesern, sie mit Neadora als Beispiel für sich selbst zu erschließen. Und auf eine besondere Weise davon profitieren zu können. Ich tat es.
Neulich im Park bezweifelte Frau Radibor, daß sie die große Kastanie noch im Blätterkleid sehen würde. Ihr Blick hing länger als sonst an den Blumen und Sträuchern. Und da war der auf einmal nicht mehr störende Wind. Alles Zufall ? Ich weiß es nicht. Doch auf unserer Runde in der geliebten Natur, begann sich der Kreis ihres Lebens zu schließen.
Als ich ‘Alle für eine’ ins Netz schrieb, war Frau Radibor bereits tot. Wie Herr Türmer vor reichlich zwei Jahren, ist sie an einem Wochenende gestorben. Friedlich eingeschlafen, sagte man mir, nachdem ich in ihrem Zimmer nur das leere, tiefergestellte Bett vorfand. Dann stürzten meine Gefühle kreuz und quer durcheinander. Im Büro sachliches Bedauern, auf dem Weg nach draußen Unfaßbarkeit, unterwegs lächelnde Traurigkeit. Zu Hause ein enger Hals, die Gewißheit, nicht mehr für sie da sein zu können und die Zufriedenheit, es gewesen zu sein.
Die Besuche bei Frau Radibor waren ein prägender Teil meines Lebens. Was von ihnen bleibt: inneres Lächeln und Dankbarkeit. Für einen Schatz aus lebendigen Erinnerungen an eine kluge, geduldige, gütige Frau, an unseren gemeinsamen Weg, auf dem wir viel von einander und über Menschen gelernt haben. Für all die Freude, die Ernsthaftigkeit und ein Stückchen mehr Weisheit.
Das Rundum-Wohlfühlpaket für Frau Radibor enthielt neben wärmenden Sonnenstrahlen und verhalten sprießender Flora fünf Windböen, vier Blumenbeete, drei Prisen Blütenschnee, zwei Pflegerinnen und einen Besucher. Es galt, den einzigen schönen Tag der Woche mit einer Parkrunde zu nutzen. Der ersten seit dem vergangenen Herbst. Nicht einmal das Zausen des Windes konnte Frau Radibor davon abhalten. Mehrmals fragte ich, ob sie das störe. Standhaft verneinte sie jedesmal.
Die mit bunten Tupfern geschmückten Beete sorgten für Gärtnerinnenerinnerungen. Ein großer Wildobstbaum tat sich weiß blühend als Blickfang hervor. Wahrscheinlich schon länger. Wir wurden bei unseren Betrachtungen ausgiebig beschneit. Mit ihrem Lachen ging eine erbauliche Stunde zu Ende. Zum Glück hatte die erste der Schwestern trotz Kaffeezeit Frau Radibor gleich in den Rollstuhl gehievt. Was ihr genauso gedankt wurde, wie der zweiten die rasche Rücktransaktion. Und der Besucher bekam seinen Freuden-Lohn.
Frau Radibor mag es, wenn ich etwas aus dem ‘normalen Leben’ beschreibe, was mir unterwegs auffiel, zum Beispiel. Ihre Vorstellungskraft ist noch gut. Und fremde Lebensereignisse sind für sie selbst aus zweiter Hand stets interessant. Also lasse ich sie durch meine Augen schauen und daran teilhaben. Meistens sehen wir dann das gleiche. Aber nicht diesmal.
Im Hof saßen vier junge Leute auf einer Bank. Ein einfaches Bild. Nur in dem von Frau Radibor saßen sie nicht auf der Lehne. Erklärungsbedarf. Doch die neumodische Jugendgewohnheit erschloß sich uns nicht. Das müsse recht unbequem sein, meinte Frau Radibor. Oder vielleicht sei die heutige Jugend besser gepolstert.
Wir hatten einen guten Redenachmittag, sprachen neben alten, vertrauten Themen auch über ein seltenes: den Tod und das Sterben. Irgendein Anlaß ließ Frau Radibor vom Tod ihres Mannes erzählen. Daß der Krebs der Vorsteherdrüse zu spät entdeckt wurde, dann alles sehr schnell ging und sein Leben mit fünfundsechszig Jahren zu Ende war. Er hat starke Schmerzen gehabt … Trotz ihrer Nüchternheit nach all den Jahren um die sie ihn überlebt hatte, konnte ich in ihrem Gesicht die alte Hilflosigkeit sehen. Weil ich sie mit Frau Radibor teilte.
Ich berichtete ihr vom ähnlich frühen Tod meiner Mutter. Von einem Krebs, der uns Zeit ließ für hassenswerte Monate des Wissens, uns aber zugleich Gelegenheit bot für ein intensives Miteinander, wie wir es vorher nicht kannten. Das fand Frau Radibor schön. So lebte ein gegenseitiger Trost in diesem Gespräch, welches uns auch den Wert unserer gemeinsamen Gegenwart zeigte.
Die zur Seite gezogene Gardine ermöglicht Frau Radibor eine bessere Sicht auf das kleine Stück Welt hinter dem Fenster. Ihr Bett wird zum Aussichtspunkt. Und wenn es was zu entdecken gibt, hebt das die Stimmung. Freudig erzählte sie mir von einem sehr großen Krähenschwarm. Immer spät nachmittags sei der seit Tagen in die gleiche Richtung geflogen. Ich konnte ihr sagen, in welche. In meine. Den selben Schwarm hatte ich aus der Nähe erlebt. Schwarze Massen nutzten die Bäume in unserem Wohngebiet als Sammelstelle für den bevorstehenden Frühlingsrückflug nach Rußland. Als Fußgänger beschlich einen ein ungutes Gefühl. Vogelbombengefahr ! Manch parkendes Auto wurde zur Kleckerburg. Die bildhafte Vorstellung lockte auch bei Frau Radibor ein schauderndes Grienen hervor. Schadenfreude im Pflegebett ? Freude ist Freude !
TrackBack-URL“Herr Ewald, ich freu mich ganz sehr !” Der unverhoffte Vormittagsbesuch sorgte für einen inneren Wärmeschub. Auch mir tat Frau Radibors liebe Begrüßung gut. Es war der passende Moment, ihr im gefühlten Durcheinander der letzten Tage mit unseren gemeinsamen anderthalb Stunden einen gewohnten Fixpunkt zu geben.
Was nämlich für die meisten nur eine fröhliche Abwechslung vom üblichen Alltag darstellt, löste bei Frau Radibor auch Unruhe aus: das allgegenwärtige Karnevalstreiben. Vor allem, weil fast das gesamte TV-Programm jeck war … Ich konnte ebenfalls ein Erlebnis beisteuern. Als ich am Montag eine Versicherung in Köln anrufen wollte, sagte die freundlich Dame vom Band, dort sei wegen eines regionalen Feiertages geschlossen. He ?! Aber genau das fand Frau Radibor lustig. So kriegten auch die Unansteckbaren noch ihr Alaaf.
Es war ein Versuch mit offenem Ausgang. Frau Radibor wollte selber die Lösungswörter in ein Rätsel eintragen. Überraschend hatte sie meinem Vorschlag gleich zugestimmt. Wie lange das letzte Mal Selbstschreiben zurück lag, blieb unklar. Jahre wahrscheinlich, und ihre Handschrift sei früher sehr schön gewesen. Die Gegenwart kam unsicher und zittrig daher. Das schreckte Frau Radibor nicht. Sobald eine Lösung feststand, machte sie sich ans Werk. Ich sorgte für die ‘Logistik’. Das Rätselheft, den Stift aus dem Schubfach, den freien Platz auf der Tischplatte, die Buchunterlage, weil sie das Heft schräg halten wollte, die richtigen Spalten und Zeilen … Ein Alleinschreibversuch wäre zum Scheitern verurteilt. Und allmählich klappte es etwas besser. Ich lobte, und Frau Radibor meinte “Wenn öfter jemand Zeit dafür hätte, würden Sie staunen.” Hallo, Berlin ! Aber warum muß eine alte Frau im Pflegebett schreiben können ?
TrackBack-URLDas gefiederte Völkchen im Wohnbereich vor dem Haus trotzte tapfer der Kälte. Ich mußte an Frau Radibors spätsommerliche Prognose des Spatzensterbens im Winter denken, doch während ich dem Gebüsch näher kam, stieg der Lärmpegel ordentlich an. Als würden sie sagen ‘Sieh nur, es gibt uns noch. Du kannst der Dame schöne Grüße ausrichten !’ Frau Radibor schmunzelte bei dem Gedanken. Aber die Freude wurde ein bißchen getrübt. “Irgend was stimmt nicht in meinem Brotladen. Ist wohl entzündet.” Vorsichtig löffelte sie die Cremespeise. Dann rückte ich mit der schlechten Nachricht heraus. Nur ein Kurzbesuch heute, die Hexe … Mein unrunder Gang war ihr bereits aufgefallen. Ich hätte nicht kommen sollen, tadelte sie und lächelte froh.
TrackBack-URLIhr fiel auf, daß die Tage schon länger werden. Zum Ende meines Besuches war es draußen heller als sonst. Erste Lichtboten des Frühlings fügten dem Abschied eine Prise Hoffnung hinzu. Selbst wenn Frau Radibor meinte, der bislang milde Winter würde noch strenger werden. “Sehen Sie, Sie haben Mütze und Schal schon dabei”, lachte sie. “Gut so. Ja.” Die vermeintlichen Beweisstücke hatte sie letzte Woche an mir vermißt. Ich fühlte noch auf dem Heimweg ihre Fürsorge als wärmendes Kribbeln. Dagegen hatte der Straßenwind keine Chance.
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