“Was sich ein alter Kopf alles merken kann, ist erstaunlich”, meinte Frau Radibor zwischen zwei Schlürfschlückchen Kakao. Wie wahr ! Des öfteren verblüfft sie mich mit kleinen Geschichten, die zum Teil mehr als achtzig Jahre alt sind. Diesmal spielte eine davon in der Schule. Zur alljährlichen Weihnachtsaufführung kamen die Dorfbewohner zusammen. Die Kinder hatten ein Programm einstudiert. Frau Radibor und ihre Freundin waren mit einem (mit Lehrerhilfe ?) selbst verfaßten Gedicht an der Reihe.
Frau Meier hamse schon gehört, der Rübner-Bauer hat ein Pferd.
Ein Rasseschimmel groß und stark, kost’ sicher viele tausend Mark.
Nun sag mir einer auf der Welt, woher hat der denn so viel Geld ?
Man munkelt schon ganz unverhohlen, der Rübner hat es wohl gestohlen …
Mehr fiel ihr nicht ein. Doch große Augen hatte ich schon. Und mein Staunen machte ihr Spaß. Schön, wenn sich ein alter Kopf freuen kann.
TrackBack-URLAn die Jahreswechsel der Kindheit kann Frau Radibor sich nur spärlich erinnern. Schnee gab es damals in jedem Winter. Nicht so wie heute. Manchmal selbst im Flachland in solchen Mengen, daß man kaum in den Nachbarort kam. Und eine Sache war noch präsent.
Es muß zu Silvester gewesen sein, als die Hebamme gebraucht wurde. Wer konnte sie holen im Schneegestöber ? An Autos oder den Bus war auf dem Land nicht zu denken. Doch weil im Dorf alle zusammenhielten, fand sich ein Weg. Dank Pferden, Schlitten und Schaufeln traf die Hebamme rechtzeitig ein. Auch der Bruder hatte geholfen. Aber nicht alles verstanden. Wieso die Frau denn Heu-Bamme genannt würde, wollte er von den in dörflicher Mundart schwatzenden Erwachsenen wissen. Und hörte vom Vater, er könne auch Stroh-Bamme sagen.
Mein Versuch, ihr den Verwandtenbesuch schönzureden, verpuffte. Nach bald einem Jahr familiärer Besuchslosigkeit hatte Frau Radibor selbst zu Weihnachten niemanden mehr erwartet. Statt nun mit besonderer Freude auf das seltene Ereignis zu reagieren, schob sie die Gedanken daran lieber beiseite. Von Belang waren dagegen die hilfreiche Voltaren-Einreibung am Fuß, unser Trick mit dem Schalter der Leselampe und Erinnerungen an früher. Stoff zum Nachdenken für mich. Ergebnis : Mögen all jene, die sich nur zu speziellen Anlässen ihrer ‘Lieben’ besinnen, besser darauf verzichten. Für einen de facto Vergessenen ist ein so seltener Besuch zwar das Ende, aber zugleich wieder der Anfang der seelischen Einsamkeit. Wie soll man sich darüber freuen ?!
Daß es auch anders geht, erlebe ich Woche für Woche. In vielen Heimen warten vergessene Menschen. Wer etwas Zeit und Herz investiert kann es schaffen, ihnen willkommen und nahe zu sein. Und das fühlt sich fast immer wie Weihnachten an.
Frau Radibor würde gern Selbstknipserin sein. Wenn eine Leselampe da ist, möchte man sie ohne personelle Hilfe ein- und ausschalten können. Mit dem viel zu kurzen Schalterkabel wird’s jedoch schwierig. Da hilft nur die Notklingel. Deren Kabel ist zum Glück lang genug. Zufriedenstellend ist das für alle Beteiligten nicht. Und man fragt sich, haben Hersteller und Händler diese Pflegebett-Leselampe je in einem Heim ausprobiert ? Wohl kaum. Sonst hätte ihnen auffallen müssen, daß es einem auf dem Rücken liegenden Pflegebedürftigen so gut wie unmöglich ist, an den hinter seinem Kopf hängenden Schalter zu kommen. Viele Grüße aus der Realität !
Doch manchmal führt Ärger zu einer guten Idee. Mit einer an das Kabel geknüpften Kordelschnur kann Frau Radibor sich den Schalter in Griffweite ziehen. Schon beim ersten Versuch funktionierte es. Provisorische Freude. Vielleicht hat auch jemand vom Hersteller eine Idee, und wird so für viele zum Weihnachtsmann …
Ist in der Adventzeit von Äpfeln die Rede, sind wohl oft Bratäpfel gemeint. Doch bei uns machten Pferdeäpfel das Rennen. Frau Radibor hört manchmal Hufgeklapper unter dem Fenster. Das stamme von Pferdekutschen, hatte man ihr gesagt. Für die Touristen. Da wäre sie gerne mal mitgefahren. Aus ihrer Sicht wünschenswert, nur als Dresdner hält man weniger von dieser geruchsintensiven Romantik. Sie schmunzelte, war in der Kutschenzeit aufgewachsen. Außerdem wußte sie über den Nährwert der Rückstände Bescheid. Für Mutters Blumen im Garten. Die Dorfstraße hielt fast immer den natürlichen Dünger bereit, der mit Schaufel und Besen von den Kindern heimgeholt wurde. Lange ist’s her, und sie dachte an beides gern. An den Pferdealltag und die Bratapfelromantik.
TrackBack-URLDie späte Novembersonne hatte die sonst triste Fassade des gegenüberliegenden Hauses mit rotgoldenen Farben geschmückt. Frau Radibor genoß diesen seltenen Anblick. Er brachte auch ohne Schnee etwas Zauber in den Advent. Die aufkommende Dunkelheit tat im Zimmer das ihre dazu. Wenn das pflegerische Umfeld allmählich verschwimmt, ist die Brücke zu den schönen Kindertagen schnell überschritten. Frau Radibor erinnerte sich an ein Ritual ihrer Eltern. Nach getaner Arbeit setzten sie sich zu ihrer ‘Dunkelstunde’ zusammen. Der vergangene Tag wurde ausgewertet, der neue geplant. Oft saßen die Kinder dabei. Später durfte eines die Petroleumlampe anzünden … Ruhe und Harmonie sprachen aus ihr. Und ich dachte im Stillen, wie könnte das heutzutage noch funktionieren ?! Ohne die Herrschaft der Technik hatten die Menschen sich selbst.
TrackBack-URLWenn wir viel über die Vergangenheit reden, ist in der Gegenwart alles normal. Frau Radibor war gesund und gesprächig. Sie nahm mich wieder mit in ihr Kindheitsdorf. Dort wartete Arbeit auf uns. Es galt, die Kühe vom Kartoffelfeld fernzuhalten, die Gänse hatten Wasserverbot. Jedenfalls an einer bestimmten Stelle im Bach, die für Fuhrwerke und Pferde gedacht war. Magisch zog es die Gänse dort hin. Die riechen das Wasser, wußte Frau Radibor. Doch als der Ortsvorsteher kam, roch es nach Ärger. Der zornige Mann schlug mit dem Knüppel nach ihnen. Ein Schnabel wurde zertrümmert. Da blieb nur die Pfanne.
Im Winter versammelten sich Frauen und Mädchen zum Federn schleißen. Das schien eine von Frau Radibors schönsten Erinnerungen zu sein. Sie hörte sich glücklich an. Ich ließ mir von ihr das Schleißen erklären: Um Bettfedern zu gewinnen, werden die Federseiten vom Kiel abgezogen. In warmer, fröhlicher Runde wurde dabei viel erzählt. Lachen war Trumpf. Und Frau Radibor gab einen der ‘alten Beiträge’ zum Besten.
Ein Mädchen ging zum Doktor, sie fühlte sich marod’.
Sie meint’, sie wär’ gefallen, wohl über die Kommod’.
Der Doktor untersucht’ sie, und sprach ‘Oh, welch Malheur.
Es war nicht die Kommode, es war der Sekretär !’
Schade, daß Frau Radibor lieber im Bett bleiben wollte. Ich hatte angesichts des schönen Spätherbsttages eigentlich eine Ausfahrt im Sinn, aber es wurde auch so unterhaltsam. Schon der Anfang war goldig. Sie fühlte sich schlapp, der Rücken schmerzte, leichtes Kopfweh stellte sich ein.
Vielleicht sei eine Erkältung im Anmarsch, vermutete ich. Daraufhin sie : “Das glaube ich nicht. Ich habe weder geniest, noch gehustet.” Eine Perle im Pflegebett.
Später wurde ich als Holzfachmann überrascht. Wir stöberten in einem Buch über die Bäume und Sträucher Mitteleuropas. An mancher Stelle gab es was passendes zu erzählen. Auch Frau Radibor kannte vieles. Selbst zu einem Strauch, der mir unbekannt war, fiel ihr etwas ein. Berberitze. Das Holz würde für kleine Einlegearbeiten genutzt. Woher sie das wußte blieb unklar. Doch fast genau so stand es im Text. Meine Dozentin !
Die interessantesten Besuche bei Frau Radibor sind oft jene, in denen sich für uns beide etwas neues ergibt. Diesmal lockte eine Geschmacksüberraschung ein Kindheitserlebnis hervor. Ich hatte ein Döschen selbstgemachte ‘Tiramisu’-Creme dabei. Mit Mascarpone und Eierlikör … zum Reinhüpfen lecker. Allerdings müßte sie den Eierlikörgeschmack mögen. Das fragte ich sie. Die Antwort : Frau Radibors erste Eierlikörerfahrung lag mehr als achtzig Jahre zurück ! Wohl am Anfang der Schulzeit hätten ihr die älteren Schwestern im Wald von etwas Selbstgemischtem zu trinken gegeben. “Ich glaube, das war Eierlikör. Davon habe ich einen Schwips bekommen, und dann auf einem Holzstapel gelegen. Ich sehe das noch.” Ich sah das auch. Ach, die heimlichen Kindheitsexperimente … Und wie ihr die Creme schmeckte ! Zusätzlich erhielt jedes Stück des zerteilten Heimkuchens einen Klecks oben drauf. Nur eine Pflegerin war pikiert. “Mayonnaise ?!” Der ‘Etikettenschwindel’ sorgte für Heiterkeit.
TrackBack-URLDie gewohnte Ankunftzeit war bereits überschritten. Um so mehr beeilte ich mich und stieß an der Tür fast mit einer Schwester zusammen. “Sie werden schon vermißt. Da wird sie sich freuen.” Ja, das war offensichtlich. Frau Radibor hatte sich gerade nach mir erkundigt und war nun erleichtert. Meine Erklärung interessierte sie nur am Rande. Hauptsache ich saß endlich da.
Ihre Sorge hat mir zwei Dinge gezeigt. Wenn man eine Woche Warten hinter sich hat, können zehn Minuten zur Ewigkeit werden. Und ich werde gebraucht. Als Zuhörer, als Erzähler, als jemand, der wirklich Zeit für sie hat. Natürlich weiß ich das längst. Doch ihre Besorgtheit live zu erleben, ließ mich auch die Verantwortung spüren. Ihr zu folgen, ist ein Schlüssel zum Glück.
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