Erfahrungen

Frau Ewald

Diesen Teil von Neadora widme ich meiner Mutter.

Sie starb mit 69 Jahren an Krebs.

"Seelenlang" erzählt von einer trotz allem glücklichen gemeinsamen Zeit im Angesicht der Erkrankung und meinem Bemühen, ihr auf dem schweren Weg ein guter Begleiter zu sein.

Uwe Ewald

Auszug aus „Seelenlang“

"Mit einer kurzen Unterbrechung für den geplanten Nachsorgetermin, der keine Auffälligkeiten ergab, genoß sie viereinhalb Monate lang das Leben im Rheinland. Regelmäßig telefonierten wir und ich merkte, wie frei sie sich fühlte.

In unseren Gesprächen fanden Krankheit oder Krebs keinen Platz. Wir redeten über Konzerte im Kurgarten, über Radtouren am Flussufer in Gesellschaft von Prachtlibellen und darüber, wie hervorragend Mutter ein Mahl mundete, welches sie aus spontan zusammengestellten Zutaten zauberte. Sie erzählte mir detailliert das Bemerkenswerteste der letzten Tage und sie liebte es, wenn ich das ebenfalls tat. Das hatten wir so schon früher gerne gehalten. Oftmals, bei einer guten Gelegenheit, versuchte ich, ihr nicht nüchterne Informationen zu geben, sondern mit einer ausführlichen Schilderung auch aus Einfachem etwas Besonderes werden zu lassen, und die Stimmungen und Gefühle jener Momente wurden wieder lebendig, als hätten wir alles gemeinsam erlebt.

Hieran fand Mutter Freude. Sie durchlebte jede einzelne Situation sichtbar mit. Genau so kannte ich sie. In ihrem Gesicht konnte ich immer lesen, und das Leuchten ihrer erwartungsfroh geweiteten Augen hat für mich an Kraft nicht verloren. Aus diesem Blick sprach ihre Seele zu mir. Dieses warme, beseelte Leuchten erhellt noch heute die Winkel der Düsternis in meinem Herzen, vertreibt mir manches Mal dunkle Gedanken.

Der Tod hatte mit einem Hauch ihr Leben beendet. Doch er vermag nicht, uns zu trennen. Eines schützt uns davor: Die Sprache der Seelen. Ich glaube, wenn Menschen sich wirklich nahe sind, finden Ihre Seelen eine gemeinsame Sprache. Das ist es vor allem, was ich zurückbehielt, als Mutter ging. Weil unsere größte Gemeinsamkeit in der Harmonie unserer Seelen bestand, ist eine Trennung nicht möglich. Ich kann zu ihr sprechen und sie spricht durch mich; aber noch sprachen wir miteinander im Leben. Die Seelennähe wob uns ein sicheres Band."

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geschrieben in den 1950er Jahren

Früher wurden Liebesbotschaften noch als richtige Briefe verfasst.
Ein besonders lesenswertes Exemplar soll hier als Beispiel und Erinnerung dienen.

Heiliger Abend -

ganz leise rieseln die weißen Kristalle in stetem Gleichmaß zur Erde nieder und geben dieser Nacht ihr echtes Gepräge. Das Dorf liegt tief verschneit, in der Ferne bellt ein Hund, die Krähen ziehen krächzend ihre Bahn und die Häubchen auf Zaun, Strauch und Baum werden immer voller.
Im Zimmer ist Wärme und wohliges Geborgensein. Alle Kerzen sind angezündet und aus jedem Schein blickst Du mir entgegen. Obwohl wir nicht beieinander sind, bin ich bei Dir und Du streichelst mich ganz zart.

Rechts liegt der Berg Geschenke, zu dem sich vor einer Stunde noch ein Päckchen herrlicher Sachen gesellt hat. So beschenkt man eigentlich nur Kinder. Und dem Alter bin ich doch wohl schon eine Weile entwachsen. Wie soll ich mich nur jemals dafür bedanken ? Ich kann Dir nur sagen: ich bin tief, tief glücklich ! Die letzte Zeit hat mir gezeigt, was ich Dir bin, daß Einer dem Anderen gehört und daß ich versuchen will, Dir ein Weib zu sein, über das Du Dich nur freust. Aber bitte: bleibe auch Du mir der zärtlich-feinfühlende Geliebte und Mann, der als erste von allen Eigenschaften die Aufmerksamkeit nicht vergißt. Mit ihr fällt und steigt das Barometer der Liebe. (Unser Gefühl allerdings wäre davon alleine nicht abhängig.)

Es gibt nicht nur Tränen aus Leid, es quellen auch welche aus Freude hervor. Solche fielen mir heute aus den Augen - und das sagt viel !

Mein einziger geliebter Mann, liebstes S.... ! Mein Leben erfüllst nur Du und es erfüllt sich nur durch Dich. Und ich glaube, unsere Herzen haben sich mit jedem vergangenen Jahr mehr ineinander verschlungen, so daß mich dünkt, nichts kann sie jemals wieder entwirren. Laß mich das glauben und für die kommende Zeit wünschen und hoffen - vorausgesetzt, daß das auch Dein Wunsch ist.

In der heiligen Nacht, in der Nacht der Liebe rufe ich Dir zu, geliebter Mann, laß mich Dich noch viele Jahre lieben und ganz Dein sein.

Was soll uns stets vereinen ? Die Lieb'.

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